Schweizer Propagandakonferenz

27. September – 29. September 2019

Essayistische Konferenz mit Vorträgen und Lecture Performances
Schweizer Propagandakonferenz
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Der Regisseur und Autor Boris Nikitin widmet diese dreitägige Konferenz dem Rohstoff «Öffentlichkeit», um den ein globaler Wettstreit entbrannt. Wie nie zuvor geht es darum, gesehen und gehört zu werden: für Zwecke der politischen Mobilisierung, auf der Suche nach Solidarität, dem Zeigen der eigenen Gefühlswelten oder zur schlichten Bewerbung von Produkten. Hierbei ist die gemeinsam geteilte Öffentlichkeit eine begrenzte Ressource und gleichsam die Bühne, auf der Menschen «ihre» Wirklichkeit dar- und vorstellen und damit die Wirklichkeit mitgestalten. Dieses Umwerben, Erkämpfen, Gestalten, Manipulieren, Erzeugen und Herstellen von Wirklichkeit lässt sich auf einen Begriff bringen: Propaganda. In der für das Neumarkt konzipierten und kuratierten SPK lädt Nikitin nun zwölf Positionen ins Theater ein, die die Produktion von Öffentlichkeit und Wirklichkeit beleuchten und/oder diese bereits selbst aktivieren. Die zwölf Reden, Vorträge, Lecture Performances und Gespräche drehen sich um Propaganda – und sind selbst Propaganda.

#Schweizer Propaganda #wirklich #positionen #wettbewerb #aufmerksamkeit 

>>Link: SPK Booklet<<

Übersicht

FREITAG, 27.9.2019

17 Uhr             Robin LaVerne Wilson aka Dragonfly


Black Queer Madness as Hypersanity
Eröffnungsperformance in englischer Sprache

18.15 Uhr       Rabih Mroué
Krieg, Kunst und Propaganda
Gespräch in englischer Sprache

19.30 Uhr      Pause

20.15 Uhr      Deborah Feldman
Verrat und Struktur
Vortrag

21.15 Uhr       İmran Ayata
Kampagne über alles
Lecture Performance

 

SAMSTAG, 28.9.2019

14 Uhr            David Eugster
Die Gewinnung des öffentlichen Vertrauens
Vortrag

15 Uhr            Franziska Schutzbach
Wie funktioniert rechtspopulistische Rhetorik?
Vortrag

16.30 Uhr      Pause

17 Uhr            Brandy Butler
Untitled
Lecture Performance mit Songs

18 Uhr            Pause

19.30 Uhr      Georg Seeßlen
INFLUENCE oder Die Kunst, in die Köpfe zu regieren
Vortrag

20.30 Uhr     Storm & Störmer
Worst Case Szenarios – Der Propagandafilm. Schönheit der Ideologie
Lecture Performance

 

SONNTAG, 29.9.2019

14 Uhr            Dean Hutton
Plan B, a Gathering of Strangers
Lecture Performance
In englischer Sprache

16 Uhr            Geoffroy de Lagasnerie
Für eine Ethik der Werke
Vortrag
In englischer Sprache

17 Uhr            Pause

17.30 Uhr      Didier Eribon
Politik der Scham (redux)
Gespräch
In englischer Sprache

Im Anschluss Abschlussumtrunk

 

Das Programm en détail

Freitag, 27.9

Robin LaVerne Wilson aka Dragonfly
Black Queer Madness As Hypersanity. A Summary Of My Afrosurrealistic Life

«Living in perpetual resistance from birth to current — in a neocolonial world order that prefers I sit down and shut up — is my greatest artistic legacy. Through story and song — and for a minute per each year lived to date — I reflect upon my own contradictions, liberate skeletons from my closet, dance with my ‹shame›, and reclaim them all as my shamanic superpowers.»

Aus einem Text von Dragonfly aka Miss Justice Jester (2019)

Robin LaVerne Wilson, auch bekannt unter den Alter Egos Dragonfly, Miss Justice Jester oder Helvetika Bold, ist US-amerikanische Konzeptkünstlerin und politische Aktivistin. In ihrer Arbeit bewegt sie sich zwischen Performance, rituellem Storytelling, musikalischen Acts und Guerilla-Aktionen. Als Mitglied der aktivistischen Performancegruppe Reverend Billy & The Stop Shopping Choir tourt sie seit vielen Jahren durch die Welt. Im Jahr 2016 kandidierte sie als Vertreterin der Grünen Partei im Staat New York um einen Senatssitz. Für die Schweizer Propagandakonferenz SPK hält sie die Eröffnungsrede, die zugleich verzerrter Song, Beschwörung und politischer Agitprop ist.

Rabih Mroué
Krieg, Kunst und Propaganda

Rabih Mroué gehört zu den Vertretern einer libanesischen Gegenwartskunst, die sich seit über drei Jahrzehnten mit der Darstellung und Manipulation von Realität auseinandersetzt. Der gemeinsam mit anderen libanesischen Künstler*innen wie Walid Raad, Akram Zaatari oder Joana Hadjithomas entwickelte dokumentarische Stil zeichnet sich dadurch aus, die Zuverlässigkeit des Dokuments als Abbild des Wirklichen in Frage zu stellen. Ein Foto, ein Plakat, ein Zeitungsartikel oder eine politische Rede kommunizieren stets mehr als sie vorgeben. Diese potenzielle Ungewissheit des Realen gründet bei all diesen Künstler*innen nicht zuletzt in der Erfahrung des libanesischen Bürgerkriegs in den 1980er-Jahren, in welchem alle beteiligten Gruppierungen und Parteien die Deutungshoheit über das Geschehen für sich beanspruchten und propagandistisch verbreiteten. Eine Erfahrung, welche die Konflikte unserer Zeit vorweggenommen hat?

In einem Gespräch mit Boris Nikitin erläutert Rabih Mroué die Hintergründe seines Schaffens und nimmt das Verhältnis zwischen Propaganda und Konflikt, zwischen Kunst und Krieg in den Blick.

Rabih Mroué, geboren 1967 in Beirut, ist Performancekünstler, Regisseur, Autor, bildender Künstler und Herausgeber der Zeitschrift The Drama Review (TDR) und der Zeitschrift Kalamon. Seine Arbeiten wurden unter anderem im MoMA/New York, HKW/Berlin, SALT/Istanbul, bei der dOCUMENTA (13)/Kassel, den Münchner Kammerspielen, den Wiener Festwochen, im HAU/Berlin und bei den Basler Dokumentarfilmtagen gezeigt.

Deborah Feldman
Verrat und Struktur

Deborah Feldman, geboren 1986, wuchs in einer ultraorthodoxen chassidischen Gemeinde im Stadtteil Williamsburg in New York auf. Ihre durch religiöse Rituale und Regeln geprägte Kindheit und Jugend erzählt Feldman in ihrem autobiografischen Roman «Unorthodox». Das 2012 in den USA und 2016 in deutscher Sprache erschienene Buch wurde ein internationaler Bestseller. Feldman beschreibt darin, wie sich Identitäten und Weltbilder, aber auch Tabus, Schamgefühle Missverständnisse und Abgründe in religiösen Communities und darüber hinaus ausbilden. Nicht zuletzt ist Feldmanns Buch ein Porträt über die Unterwerfung des Körpers durch die Sprache religiöser und weltlicher Gesetze, welche die Beziehungen zwischen den Gesellschaftsmitgliedern zueinander, aber auch zu sich selbst, regeln und ordnen.

Diese Form struktureller Gewalt beschreibt Feldman jedoch nicht allein als ein Phänomen «männlicher» Machtausübung. Sie betont vielmehr, welche massgebliche Rolle auch Mütter und Grossmütter bei der Weitergabe von Unterdrückung spielen. So schreibt sie: «Ich fühle mich von allen Frauen in meinem Leben verraten.»

Für die Schweizer Propagandakonferenz SPK denkt Feldman diesen Gedanken weiter: Was ist Verrat? Inwiefern steht die Struktur des Verrats insgesamt für die Herstellung von Realität? Und wie stehen Verrat und Selbstbefreiung im Verhältnis zueinander?

Samstag, 28.9

İmran Ayata
Kampagne über alles

İmran Ayata – geboren 1969 in Ulm – ist Autor, DJ und Mitinhaber von Ballhaus West, einer Agentur für Kampagnen mit Sitz in Berlin. Ayata gilt als einer der zentralen Marketingexperten im deutschen Sprachraum. Er war Mitbegründer der anti-rassistischen, anti-nationalistischen Bewegung Kanak Attak, zugleich begleitete er als Werbefachmann und Campaigner in den Nuller-Jahren die Kommunikation der Renten-, Arbeitsmarkt- und Gesundheitsreform als Teil der Agenda 2010 der rot-grünen Bundesregierung. Die Kampagne kann als eine der erfolgreichsten propagandistischen Operationen der jüngsten deutschen Geschichte gelesen werden: «Agenda 2010» oder «Hartz IV» sind Begriffe, die bis heute aus der gegenwärtigen politischen Debatte in Deutschland nicht wegzudenken sind. 2017 lancierte Ayata die Kampagne #FreeDeniz, welche die Entlassung des Journalisten Deniz Yücel aus dessen Untersuchungshaft in der Türkei forderte und 2018 in Yücels Freilassung mündete.

In einer Lecture Performance, die selbst zwischen PR-Rhetorik, kapitalistisch-popkultureller Ironie und harten Fakten mäandert, demonstriert Ayata anhand verschiedener Beispiele, wie in Zeiten der Fragmentierung die Mechanismen und Techniken des modernen Campaignings aussehen. Dabei zeigt er auf, wie mit Bildern und Texten Erwartungen und Überzeugungen hergestellt, wie Normen analysiert und verschoben und wie Wirklichkeiten behauptet und verkauft werden.

Franziska Schutzbach
Wie funktioniert rechtspopulistische Rhetorik

Rechtspopulistische Rhetorik ist nicht ein Phänomen irgendwo an den rechten oder rechtsextremen Rändern der Gesellschaft, sondern sie ist längst im Feuilleton, in liberalen und selbst linken Kreisen angekommen. Rechtspopulistische Kommunikationsstrategien zielen darauf ab, den gesellschaftlichen Diskurs zu verschieben, rechtes oder rechtsradikales Gedankengut in der Mitte der Gesellschaft zu integrieren und es auf diese Weise «gewöhnlich» zu machen – gerade unter jenen, die sich selbst nicht als rechts bezeichnen. Eine der wesentlichen Bezugspunkte ist dabei eine fortwährende Polemik gegen feministische oder identitätspolitische Anliegen und Positionen, die als «übertrieben», «hysterisch», «diskriminierend» oder «totalitär» dargestellt werden. Diese Polemik gegen «Identitätspolitik» oder «Political Correctness» imaginiert sich als Verteidigung der «freien Rede» und ist derzeit die publizistische Zone, in der sich vermeintlich liberal-konservatives und selbst linkes Denken nach rechts verschiebt und in der rechtes Denken zum Common Sense wird.

Franziska Schutzbach analysiert in ihrem Vortrag die Mittel einer solchen Rhetorik und zeigt die stilistischen und inhaltlichen Strategien und Tricks dieser bewusst oder zunehmend unbewusst betriebenen Diskursverschiebung. Im Mittelpunkt ihrer Analyse stehen zentrale rhetorische Topoi wie «Politische Korrektheit», «Genderwahn», «Homo-Lobby», «Feminazis», «Umerziehung» oder «Gleichmacherei».

Franziska Schutzbach, geboren 1978, ist Geschlechterforscherin, Soziologin und feministische Aktivistin. Einem breiten Publikum ist sie durch ihr Buch «Die Rhetorik der Rechten» (2018) bekannt geworden. Sie lehrt und forscht am Zentrum Gender Studies der Universität Basel.

Brandy Butler
Untitled

Die Musik- und Liedergeschichte ist ein Fundus an subversiver Geschichtsschreibung. Einige Lieder und Songs berichten von Biografien und Schicksalen einzelner Menschen oder ganzer Menschengruppen, deren Leben in offiziellen Archiven verschwiegen werden. In den Stimmen der Sänger*innen kehren die Verstorbenen, Getöteten und Verstummten in die Gegenwart zurück und Songs ermöglichen auf diese Weise eine geisterhafte Begegnung der Generationen.

In ihrer Lecture- und Song-Performance nimmt sich die Sängerin und Performerin Brandy Butler der Musik als Ritual des Erinnerns und als Form des alternativen kollektiven Gedächtnisses an. Dabei forscht sie auch nach den unerhörten Stimmen schwarzer Sklaven in den USA, deren Geschichten sie in der Library of Congress in Washington, D.C. ausfindig gemacht hat.

Brandy Butler, geboren und aufgewachsen in Reading, Pennsylvania, gehört heute zu den wichtigen Stimmen der Schweizer Musik- und Aktivist*innenszene. Sie trat mit Sophie Hunger, Erika Stucky, Sina, Stress, Steff la Cheffe, Phenomden und vielen anderen Kolleg*innen auf und tourte mit den Bands Chamber Soul, Dee Day Dub, Brandy Butler & The Fonxionaires und King Kora durch Europa, die USA und durch Afrika. Seit einigen Jahren spielt sie auch als Performerin auf deutschsprachigen Theaterbühnen, u. a. den Münchner Kammerspielen und dem Schauspielhaus Zürich. Seit der Spielzeit 2019/20 ist Brandy Butler festes Ensemblemitglied des Neumarkt.

Georg Seeßlen
Influence oder die Kunst, in die Köpfe zu regieren

Georg Seeßlen fokussiert in seinem Vortrag auf Propaganda als eine Begrifflichkeit, die auf Einstellungen und Handlungen abzielt und die Abtretung eines Teils der Persönlichkeit an ein «grosses Anderes» impliziert. Seeßlen thematisiert hierbei neuere Methoden der Beeinflussung wie etwa das Nudging oder das Framing ebenso wie flüssige, virale Formen der Verbreitung von Diskursen und Handlungsanweisungen, darunter Fake News, Shitstorms und Hate Mails oder die «Propaganda der Tat», bei der sich Gewaltakte als Medienereignis vervielfältigen; und das als eine Triade aus Bild, Erzählung und Begriff. Propaganda macht Aufklärung schwierig bis unmöglich, da sie stets zu einer Totalität strebt, mit der nicht nur offizielle Diskurse bzw. Ideologien, sondern auch Religion oder Sexualität der Empfänger*innen angesprochen werden. Wie ist auf diese Formen der Realitätskrümmung zu reagieren? Wo sind die Grenzen der Aufklärung und Analyse? Gibt es sinnvolle Gegenpropaganda? Lässt sich Propaganda ihrerseits subversiv behandeln? Gibt es überhaupt Kommunikation ohne Propaganda?

Georg Seeßlen, geboren 1948 in München, ist Filmtheoretiker und Popwissenschaftler, Autor und Herausgeber von über zwanzig Filmbüchern, u. a. über David Lynch, Quentin Tarantino, Stanley Kubrick und Martin Scorsese. Seeßlen schreibt als freier Autor und Journalist regelmässig für die Wochenzeitschrift, Die Zeit, die Frankfurter Rundschau, die Taz, Jungle World und Der Freitag.

Storm & Störmer
Worst Case Szenarios – Der Propagandafilm. Schönheit der Ideologie 

Die satirische Reihe «Worst Case Szenarios – Schlechte Kunst. Vorträge mit Fallbeispielen» des Schauspieler*innen-Duos Cathrin Störmer und Andreas Storm ist Kult. Seit mehreren Jahren durchstöbern sie die verschiedenen Sphären von Gesellschaft, Kunst und Kultur nach deren Unfällen, gescheiterten Projekten und ästhetischen Abgründen. Schlechte Literatur, billige Filme, plumpe Kunstwerke, peinliche Politik – nichts ist vor dem Forscherdrang der beiden Sammler*innen sicher. Dabei scheint immer wieder etwas durch, das sich üblicherweise versteckt: die Schönheit des Schlechten und Nicht-Perfekten, der Glamour einer unfallmässigen Subkultur.

Für die Schweizer Propagandakonferenz laden Storm & Störmer in das Reich des Propagandafilms ein. Sie zeigen die schönsten, bizarrsten und merkwürdigsten Propagandaperlen, Aufklärungsstreifen, Lehrfilme und begeben sich in die Unterwelt der Wahrheitsproduktion. Propaganda ist Dokumentation auf Droge. Selten schillerten die alternativen Fakten verführerischer.

Sonntag, 29.9

Dean Hutton alias Goldendean
Plan B, A Gathering Of Stangers

Dean Hutton alias Goldendean, geboren 1976 in Johannesburg, ist Fotojournalist*in, Aktivist*in und Performancekünstler*in und kämpft mit schillernden und kontroversen Aktionen in Südafrika für einen von kolonialer und patriarchaler Gewalt befreiten öffentlichen Raum. Das offensive Mittel, das Goldendean zum Einsatz bringt und als «Fat Queer Trans White» bezeichnet, ist dabei immer wieder der eigene Körper. Während der Student*innenproteste 2016 sorgte sie mit ihrer Aktion #Fuckwhitepeople für Aufsehen. Gegen die Aktion wurde Klage wegen Hate Speech erhoben, jedoch 2017 durch das South African Equality Gericht mit dem Verweis auf die Kunstfreiheit abgewiesen.

In ihrer Lecture Performance thematisiert die südafrikanische Künstler*in die Effekte und Affekte, die durch kleine, einfache Akte der Dissidenz ausgelöst werden. Die Lecture ergründet, wie Strategien der Selbstreflexion, des radikalen Teilens und des queeren zivilen Ungehorsams einen Beitrag dazu leisten können, das Weiss-Sein aus der normalisierten Unsichtbarkeit zu holen und weisse Körper einer kritischen Beobachtung auszusetzen. Zugleich propagiert und agitiert Goldendean für ein Recht, ohne das ein gewaltfreier Raum nicht denkbar ist: das Recht auf Andersartigkeit.

Geoffroy de Lagasnerie
Für eine Ethik der Werte

«Wenn wir über Ungleichheiten beim Zugang zu Museen, Galerien oder anderen Kunsträumen sprechen, verweisen wir oft auf die Notwendigkeit, Massnahmen zur Demokratisierung des Zugangs zu den Werken zu ergreifen. Aber in gewisser Weise ist das ein Fehler. Meiner Meinung nach sollten Ungleichheiten beim Zugang nicht als ein zu behebender Mangel verstanden werden. Vielmehr offenbaren sie die Funktion der Kunst, die objektiv darin besteht, soziale Ausgrenzungen zu produzieren. Die Ungleichheit ist also kein Fehler, sie ist das Ziel.» Geoffroy de Lagasnerie

In seinem Vortrag analysiert de Lagasnerie zeitgenössische Kunst als eine Struktur, die entgegen und zugleich aufgrund ihres permanenten emanzipatorischen Anspruches vor allem soziale Ausschlüsse produziert. Wissend um dieses Paradox, fragt er dennoch: Wie können wir eine radikale, unabhängige und destabilisierende Ästhetik hervorbringen, die weder bürgerlich noch populär ist, die aber jeden in Bezug auf seine Beziehung zur Welt verändern würde?

Geoffroy de Lagasnerie, geboren 1982 bei Paris, ist Philosoph und Soziologe. Mit Didier Eribon und dem Schriftsteller Édouard Louis gehört er zu einem Kreis Pariser Intellektueller, die mit Aktionen für die Rechte Homosexueller und gegen eine neue Fremdenfeindlichkeit in der französischen Öffentlichkeit für Aufsehen sorgen. Darüber hinaus machten sie sich in den vergangenen Monaten für eine differenzierte Sicht auf die Gelbwestenbewegung [Mouvement des Gilets jaunes] stark, die seit Dezember 2018 in Frankreich gegen die Politik Emmanuel Macrons demonstrieren.

Boris Nikitin und Didier Eribon
Politik der Scham (Redux)

Scham ist ein unangenehmes Gefühl. Sie erzeugt in uns Gefühle der Minderwertigkeit und Ohnmacht. So besteht das Leben vieler Menschen in einem nicht unwesentlichen Anteil darin, diesem ungeliebten Gefühl auszuweichen und es zu vermeiden. Boris Nikitin und Didier Eribon führten im April 2019 bei den Basler Dokumentartagen ein erstes Gespräch zum Thema Scham. Nun setzen sie das Gespräch fort und versuchen zu erläutern, inwiefern die Scham und der damit zusammenhängende Akt des Schweigens und Verschweigens als wesentliche soziale, realitätskonstituierende Faktoren betrachtet werden können. Die zuspitzende These: Jegliche Form der Politik und der Propaganda zielt letztlich auf die Scham des Einzelnen. Sie ist der Fluchtpunkt, von dem aus Normen, Gesetze und Verhaltenscodes festgeschrieben werden. Zugleich findet in der Aneignung der Scham das politische Subjekt überhaupt erst statt: Scham und Angst sind nicht nur Gegner des Emanzipatorischen, vielmehr bringen sie sie hervor.

Didier Eribon, geboren 1953 in Reims, lehrt Soziologie an der Universität von Amiens. In seinem autobiografischen Werk «Rückkehr nach Reims» untersucht der Soziologe die Entfaltung der eigenen Homosexualität im Zusammenhang mit der politischen Kultur seines Herkunftsmilieus der nordfranzösischen Arbeiterschaft. Er zählt zu den führenden öffentlichen Intellektuellen Frankreichs und bezieht regelmässig Stellung zum politischen Zeitgeschehen.

akademie

Produktion

Kuratiert von:
Boris Nikitin
Dramaturgie:
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