Hayat Erdoğan

Direktion & Dramaturgie

Was würdest du dem Tod gerne einmal unter vier Augen sagen?

Hayat bu işte.*

 

*«Das ist das Leben».

Wie schützt du dich?

Idealismus.

Woran glaubst du?

Ich glaube an Ideen.
Ich glaube an die Notwendigkeit, immer wieder von Neuem Ja zu sagen.
Ich glaube daran, dass man eine Position nicht aus Abgrenzung beziehen darf.
Ich glaube daran, dass es notwendig ist, jede Position immer wieder in Frage zu stellen.
(Sonst werden Positionen dogmatisch, zu eindimensionalen Weltsichten, die sich bestenfalls einen inszenierten Streit über die Richtig- und Gültigkeit der je eigenen Position liefern, schlimmstenfalls werden sie zu Ideologien.)
Ich glaube, dass wir verstehen müssen, dass das, was wir begehren, imaginieren, denken immer Teil komplexer und machtvoller Übertragungen ist.
Ich glaube daran, dass wir sehen lernen können.
Ich glaube daran, dass wir lernen lernen können.
Ich glaube daran, dass wir sehen und verstehen lernen können, welche Grundannahmen unsere Begehren, unsere Imaginationen, unser Denken organisieren.
Ich glaube daran, dass unsere Imaginationen politisch sind und wir unsere Begehren neu ordnen können.
Ich glaube an das Unbekannte, Unvorhergesehene, das Zufällige.
Ich glaube an die Notwendigkeit von Kontingenz.
Ich glaube daran, dass sich das Kontingente als steter Anfang fixieren lässt.
Ich glaube an die Dauer des Zufalls.
Und das ist für mich: Love.
Ich glaube daran, dass das, was ist nicht alles ist und sich darum auch ändern lässt.
Ich glaube an das Theater als utopische Methode und Möglichkeitsraum.
Ich glaube an ein spekulatives So-könnte-es-sein.
Ich glaube an das Als-Ob des Spiels.
Ich glaube an die Notwendigkeit der Bühne. Im Leben wie in der Kunst.
Play.
Ich glaube an den Gemeinsinn, an Sinne und Sinnlichkeit.
Ich glaube an das Projekt einer ästhetischen Gemeinschaft.
Ich glaube an das Potential eines Wir.
Ich glaube an die Kraft eines Wir einer ästhetischen Gemeinschaft, einer kommenden Gemeinschaft, einer Gemeinschaft, die über den Gehalt eines Gemeinsamen streitet.
Ich glaube an den widerstandslosen Widerstand eines ästhetischen Wir.
Ich glaube auch, dass wir manchmal dieses utopische Modell unterbrechen und Verrat an der Idee des ästhetischen Spiels üben müssen.
Denn wie Eduard Louis schreibt: «Für die Herrschenden ist die Politik weitgehend eine ästhetische Frage: eine Art, sich zu denken, sich zu erschaffen, eine Weltsicht. Für uns ist sie eine Frage von Leben und Tod.»
Fight.
Wir ist das Subjekt der Politik.
Wir können nicht nichts wollen.

Wie verhältst du dich gegenüber Grenzen?

Ich überschreite sie. Wie bei diesem Questionnaire. 3-5 Sätze pro Frage, maximal, Obergrenze, hat man mir gesagt.

Biografie

Hayat Erdoğan, geboren 1981, arbeitet seit 2010 an der Zürcher Hochschule der Künste, wo sie Dozentin für Theorie, Dramaturgie und Performative Kunst im Masterstudiengang Theater ist. Sie war Forschungsstipendiatin der James Joyce Stiftung in Zürich und Triest, arbeitete als Dolmetscherin und Übersetzerin, war Mitarbeiterin in diversen Projekten, u. a. des International Institute of Political Murder, leitete künstlerische, forschende Projekte zwischen London und Hong Kong und war Kommissionsmitglied u. a. der Theaterförderung Stadt Zürich. Sie arbeitet als freie Kuratorin, u. a. im Cabaret Voltaire, und als Autorin. 2015 begann sie ein Promotionsstudium in Philosophie bei Prof. Dr. Robert Pfaller.

Hayat Erdoğan